Gotha - Konstantinopel
Gotha - Konstantinopel
Diese Reise öffnet meiner Wissbegierde ein unermessliches Feld.
Ich bin schwärmerisch für Reisen eingenommen. Keine unauflösliche Verbindung fesselt mich an mein Vaterland.
Ein grosser Theil des cultivirten Europa wird sich für mich und mein Unternehmen interessieren, und, je nachdem ich seiner Erwartung entspreche, oder nicht, wird mein Ruhm oder meine Schande gross seyn.
Ruhm oder Schande, darauf hat sich Seetzen jahrelang vorbereitet.Was ihm noch fehlt, sind astronomische Geräte - und ein Grundkurs in ihrer Bedienung.
Gotha
Seetzens hat die Instrumente und macht sich auf den weiten Weg ...
Gotha
Wien
Budapest
Bukarest
Constantinopel
Oft schon bat ich das Schicksal, daß es mir vergönnt seyn möchte, einen Theil des weiten Reichs der Osmanen, des heißen Arabiens und des unermeßlichen Innern von dem noch immer so unbekannten Afrika zu durchwandern. Wie lange bat ich nicht vergebens, und wie oft ward nicht der schöne Traum der nahen Wirklichkeit durch unerwartete Vorfälle in einem Augenblicke vernichtet!
Wien
12. 8. 1802, Wien
Herr Professor Pasquich gab mir einen Brief des Herrn Obersten von Zach, welcher gestern Abend in einem Briefe an Bürg eingeschlossen an mich angekommen war. Folgendes ist eine Copie seines Briefes:
Hiermit erhalten Sie von Sr.Durchlaucht dem Erbprinzen den Auftrag, für ihniährlich für den Werth von 800 Thl. Producteneinzukaufen und ihm unter seiner Adresse zu-zuschicken. Er lässt Sie besonders bitten, ihmbald einen schwarzen schönen Reyberbusch zu schicken.
Man kann sich leicht denken, daß mir der bestimmte Auftrag des durchlauchtigsten Erbprinzen von Gotha äusserst willkommen sey.
Ich werde mich bemühen, seinen Erwartungen auf alle Art zu entsprechen.
Allein –
Allein – ich verlasse ein Land, welches den größten Theil von allem dem, was mir theuer ist, umfaßt; Verwandthe, die meinem Herzen nahe sind; Freunde und Bekannte, die ich hochschätze, und deren gefälliger Umgang mir so viele Belehrung und Unterhaltungen gewährte; werde ich, von ihnen getrennt, auch nur einigen Ersatz dafür in der Ferne finden? Werde ich die größte aller Freuden genießen, sie nach meiner Rückkehr alle glücklich wieder zu sehen und in meine Arme zu schließen?
Wie kann die Wärme zweyer Seelen sich verschmelzen, wenn sie durch das kalte Medium eines Dolmetschers dringen mufs? Ist hier nicht oft ein Missverständnis, bisweilen sogar Gefahr möglich?
Die Sprachunkunde zieht zwischen mir und- dem Fremden einen zwar nur äufserft zarten Vorhang, der nur aus der Verschiedenheit der Töne gewebet, nichts deftoweniger aber oft dicht ist, dals so wenig er, als ich, im Stande sind, uns zu belauschen, ob wir friedliche oder feindfelige Gesinnungen gegen einander im Schilde führen. Immer wird daher eine Art von Mifstrauen zwischen uns herrschen.
Und Seetzens Misstrauen wächst: Bärte und Blicke, Säbel und Pistolen - ahnt er bereits, was auf ihn zukommt?
Donau
8.10.1802
Minen und Gebehrden unserer Schiffsgesellschaft verrieten,dass sie etwas auf uns im Sinne hatten.
Heimlich
flüstern sie;
Sehen auf uns.
Ich theile meine Vermuthung Jacobsen mit. Erwill nichts davon wissen, weil er die Sprache nicht verstand.
Die ganze Nacht kommt kein Schlaf in unser Auge, weil wir alle Augenblicke unseren Todt vermuthen. Diese Wachsamkeit hält unsere Verschwörer zurück.
Ich höre aus ihrem Sprechen deutlich ihre Absichten.
I9.10.1802
Ich bat Jacobsen, etwas spaziren zu gehen. Hier offenbarte ich ihm den Mord-Anschlag, und that ihm den Vorschlag zu entfliehen.Er will nicht.
Ich nehme Abschied von ihm, werfe meinen Schanzläufer von mir und renne schnell zu den Bergen.
Jacobsen folgt endlich mit dem Schanzläufer und holt mich ein.
Er bittet mich um des Himmels Willen, meinen Vorsatz aufzugeben. Wir hät-ten nichts zu befürchten. Er schlang seine Arme um mich, und sagte mir mit einem eindringenden, rührenden Tone:
Lieber Herr Doctor!
Sie sind verrückt;
haben den Verstand verloren.
Denn weil er sahe, dass ich meinen Entschluss zu entfliehen allein durchführen würde: so folgte er mir. Er wollte mein Unglück mit mir theilen.
10.10.1802
Nun glaubte ich es sey keine Rettung mehr für unsda. Ich bot den Leuten all mein Geld, UhrenKleider an; sie möchten mir nur das Leben schenken.Man zögerte noch. Ich nahm feierlich Abschied vonJacobsen; denn unser Verderben war einmal beschlossen.
Ich hörte unsere Leute beständig sich berathschlagen, wie sie am besten ihren Zweck, uns zu ermorden oder zu berauben, erreichen könnten.
Sie glaubten, ich verstände sie nicht.
Ich zog daher eiligst das Beil zu mir und rief: sie sollten sich hüten, ihre Absicht auszuführen;
Gott würde sie einst ewig dafür verdammen
Der Augenblick war entscheidend; Jacobsen würde umgebracht,und dann würde bald die Reihe an mich kommen.
Ich sprang in die Donau...
Vielleicht hatte ich eine geheime Ahnung dass ich hinüberschwimmen konnte. Indessen fand ich, dass ich nicht schwimmen konnte
16.10.1802
Die gestrige Unterredung mit dem hiesigen sehr vernünftigen Contumaz-Chirurgen, Herrn Rau, hatte mich ungemein beruhiget
Nur ein paarmal wandelte mich in der Nacht die Furcht wiederum an; übrigens schlief ich gut, in so weit es nämlich das harte Pritschen-Lager es erlaubte.
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Die gründe sucht er bei sich, bei der kleidung... versucht er in allem, was ihm geschieht, einen rationalen grund, eine begründung zu finden? Kann er allen und allem so urteilsfrei begegnen? Anmerkung Alex: könnte sie weglassen... er versucht für alles eine rationale erklärung zu finden
Kaum haben sie das türkische Gebiet betreten:
Bukarest
#30 – 01.11.1802
BukarestKaum haben wir von neuen das Türkische Gebiet betreten: so verfolgt uns schon wieder ein neues Unglück. Geftern vor acht Tagen erreichten wir die Hauptstadt der Walachey. Wir haten uns vor- genommen, ein Paar Tage hier zu bleiben, um die Polhöhe diefes Orts möglichft genau beftimmen zu können.
Es war am Dientage den 26 Oct. zwischen 21 und 1 Uhr, als wir mit unterem Wirthe uns anf unserem Zimmer unterhielten, welches eine Treppe hoch ift. Auf einmahl fing mit einem lauten raffelnden Getöfe das Zimmer an zu zittern, die Fenster und Thüren zu krachen u. s. w.
Wir sprangen schnell auf, konnten uns aber nur mit Mühe stehend erhalten. Eiligst verlielsen wir unser Wohnzimmer und rannten in den Hof; denn, was wir schon geahndet hatten, beftätigte sich jetzt sehr deutlich.
Es war ein fürchterliches Erdbeben, welches in der Geschichte dieses grolsen Naturphänomens immer merkwürdig bleiben wird. Von allen Seiten flohen die Einwohner ihre Häufer. Kaum waren wir in den Hof gekommen: so nahm die Erderschütterung noch sehr an Stärke z u ; die Erde bewegte sich so fehr, dals wir nur mit Mühe ftehen bleiben konnten, und mehrmahls entschloflen waren, uns auf die Erde niederzulegen. Das auffallendste war, dals mein Reisegefährte und der Wirth mit Gewifsheit versicherten, sie hätten die Erde während dem Erdbeben gleichfam Wellen schlagen fehen!
Wir fahen unfer Logis, ein zwey Stock hohes massives Haus, hin und her schanken, und eine an der Decke befindliche Laterne kam so fehr in Bewegung, dals fie sich beynahe an der Wand zerschlagen hätte. Bald sahen wir die Schornsteine unferes Logis und aller benachbarten Häufer umftürzen u n d die Dächer zer- schlagen; nicht lange dauerte es, so ftürzten auch die beyden Thürme der nahen Griechischen Kirche Stele nebft ihren Glocken mit schrecklichem Geraffel ein.
Auch noch eine Zeit lang nach dem Erdbeben kam es uns vor, als wenn die Erde sich bewegte, und unfer Taumel dauerte noch einige Minuten fort. Um die Zeit und die Dauer dieses grolsen Phänomens genau beftimmen zu können, sah ich, sobald wir in den Hof gekommen waren, nach dem Chronometer, und beobachtete ihn auch so lange genau, als ich die Erderschütterung verspüren konnte.
Ich fand 51 Min. nach 12 Uhr; bis dahin mochte sie vielleicht eine halbe bis drey Viertel Minute schon gedauert haben. Ich schätze die ganze Dauer des Erdbebens auf dritthalb Minuten.
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Die gründe sucht er bei sich, bei der kleidung... versucht er in allem, was ihm geschieht, einen rationalen grund, eine begründung zu finden? Kann er allen und allem so urteilsfrei begegnen? Anmerkung Alex: könnte sie weglassen... er versucht für alles eine rationale erklärung zu finden
Bukarest
Galati
Edirne
#37 – 1802
Galaz/Galati, Walachey, Bulgarien, Rumili
s. Durch die Vermittelung des fürftlichen Leibarztes, Dr. de Tibaldo, e i n e s Bruders von dem. Türkilchen Charge d'affaires in Wien, der sich durch mannichfache Kenntnille und ungemeine Gefälligkeit auszeichnete, erhielten wir sogleich die Erlaubnifs, im Gefolge des Fürften diefe Landreife mit zu machen. Wir mietheten um 800 Piafter einen Wagen mit sechs Pferden bis Conftantinopel, welcher uns 20 Tage lang Tag und Nacht zur Wohnung diente.
#39 – 1802
Jenfeits des Balkan kamen wir in Rum-ili von Kerkhlissa noch durch eine sehr felsige rauhe Gegend, wo wir zwei Dörfer von ihren Einwohnern verlassen fanden, weil fie von einer ftarken Räuberbande einen Angriff befürchteten. Da wir das eine Dorf, Karabunari, zu unferer Nachtftation wählen mufsten, so mussten wir uns als eine kleine Armee ansehen, die ale Augenblicke einen Angriff erwartet; es wurde eine Wagenburg formirt, Wachen ausgeftellt, patrouillirt u.s.w. Sechzig bewaffnete Räuber waren kurz vor unferer Ankunft durch das Dorf marschirt, und man hatte in der Nähe einen ermordeten Mensehen gefunden.
Vor und nach dem Erdbeben:Aufstände, Räuberbanden – was ist hier los?
Explainity 1: (Reiseabschnitt Gotha-Konstantinopel, ca 1802)Die Walachei, Grenzen des Türkischen/Osmanischen Reiches nach Westen, Verhältnisse zu Europa, Russland …
Seetzen folgt dem Rat des Legationssecretärs und macht sich auf den Weg nach Haleb.
#40 – 1802
Zwilchen Silifiria und Conftantinopel hatten wir zum erftenmahl das Vergnügen, eine Handelskaravane anzutreffen, welche aufser mehrern Pferden und Efeln aus 30 Kamelen beftand. Schon dachten w i r uns im Geifte auf dem Rücken eines diefer bedächtigen, ernfthaften Thiere. Sie hatten alle nur einen Höcker.
Im Ganzen genommen hat mir diefe Reife mannichfaltige Freuden gewährt. Zwar war ich während meiner Verstandesverwirrung so unendlich unglück- lich, als es nur ein Mensch zu werden vermag; aber selbft das Andenken an dies überftandene Unglück ift mir itzt eine Quelle neuen Vergnügens, und ich hoffe, dals mich diele warnende Lehre in der Zukunft vor jedem möglichen Rückfall fichern werde.
Ein zu hoher Grad von Mifstrauen, dessen ich mich nicht fähig gehalten hätte, so wie die Unkunde der Türkilchen und Walachifchen Sprache, waren die Quelle aller meiner Leiden. Erröthend fehe ich es itzt sehr wohl ein, dals die Menschen unendlich besser waren, als ich mir ihren Character wäh- rend meines Unglücks dachte, und dals ich gerade die Menschen, die mich mit Güte, Freundschaft und Wohlwollen überhäuften, und die, weil sie wahres Mitleiden mit mir hatten, das Unrecht, das ich ihnen in meiner Narrheit zufügte, grolsmüthig übersahen und vergalsen, für die gröfsten Schurken und den schrecklichften Auswurf des Menschengeschlechts hielt. Unglücklicherweise hatte ich einige Türki- Iche und Walachitche Wörter gelernt, und nun glaubte ich schon, beyde Sprachen zu verftehen.
Nie habe ich lebhafter den Mangel einer allgemeinen Sprache, die von so manchen Gelehrten projectirt ift, empfunden und die Vielheit der Sprachen so sehr verwünscht, als während diefer Reife.
#43 12.12.1802, Constantinopel, Sonntag
Um 3⁄4 auf 9 Uhr lag neben uns ein kleines Dörfchen. Gleich dahinter fuhren wir eine Anhöhe hinan, wo wir eine ungeheure Menge Schanzen zu sehen glaubten, welche sich in einem weiten Bogen sich um Con-stantinopel herumzog. Allein, als wir dazwischen kamen, schienen sie uns doch eher alte Steinbrüche zu seyn, wodurch dieser unabsehbare Bergrücken durchwühlt war.
Hier erblickten wir Constantinopel, in blendender Weiße, umgeben von hohen Mauern und Thürmen, mit einer zahllosen Menge Minarets, seinen prächtigen Moscheen, und dem dunkeln Hintergrunde von asiatischen Bergen; aber nur auf einen Augenblick; denn die Anhöhe senkte sich sogleich wieder in ein Thal hinab, und die Stadt verlor sich noch einmal hinter einer Anhöhe, welche auf der andern Seite das Thal einschloß.
Constantinopel