Jerusalem - Kairo
Jerusalem - Kairo
Seetzen will in den Sinai und trifft Reisevorbereitungen.
Jerusalem
القدس
Hebron
Katharinenkloster
#957 – 13.03.1807
Da, so viel mir bewusst ist, noch Keiner astronomische Beobachtungen auf dem Sinaï gemacht hatte, und dieser schon seit den urältesten Zeiten so berühmte heilige Berg dies vorzüglich zu verdienen schien: so entschloss ich mich, diesem Mangel abzuhelfen.
Allein, ich setzte auf dieser Reise meine Instrumente gewissermassen aufs Spiel, weil ich einen neuen Weg durch die Wüste zu machen vorhatte, auf welchem ich nicht die Gesellschaft einer Kjerwane erwarten durfte. Am meisten war ich für meine Uhr besorgt, deren Verlust mir unersetzlich gewesen seyn würde, und dies bewog mich, auf ein Mittel bedacht zu seyn, um sie dem Auge der Beduinen, mit welchen ich diese Reise machen musste, und welche ich etwa unterwegs antreffen würde, zu entziehen. Ich liess zu dem Ende ein kleines länglichtes Kästchen mit einem doppelten Bo- den machen, in dessen unterster Abtheilung ich dieselbe ver- barg
#972 – 18.03.1807
Nachmittags kamen wir wieder in unserm Dauâr an, wo man mir eine Schlange brachte, welche ich in meinen ophiologischen Fragmenten beschrieben.
Als er nach Hebron zurückkehrt, wird es plötzlich gefährlich für Seetzen...
Hebron
#973 – 19.03.1807
Am folgenden Tage ritt ich auf einem Kamel in Begleitung von Auâd und etlichen andern Beduinen wieder nach Hebron zurück.
Es war mir nicht wenig auf- fallend, bey meiner Ankunft in Hebron schon ausserhalb der Stadt allenthalben die Aufmerksamkeit der Leute zu erregen, und sie meine Beduinen fragen zu hören, ob ich der Christ sey, der Mádará besucht habe? Noch auffallender wurde es mir, als ich mich bey meinem Eintritt in den Ort selbst so- gleich von einem Haufen Pöbels umgeben sahe, welcher die nämliche Frage wiederholte, und alsdann andern Herbeykommenden zurief: „das ist er! das ist der Christ!" indem man auf mich zeigte. Ich hörte aus ihren Reden, dass man sehr ungünstige Gesinnungen von mir hegte, und ein paar Knaben wagten es sogar, mit kleinen Steinen nach mir zu werfen.
Wir hatten stille gehalten, und Auâd war in die Stadt gegangen; wahrscheinlich hatte er aus Besorgniss für mich die Vor- sicht gehabt, sogleich den Schech Abdallah Bédder aufzusuchen, welcher einige Zeit darauf erschien, und mich durch seine Ge- genwart aus einer sehr unangenehmen Lage zog. Ich war abgestiegen, in der Absicht, mein Logis aufzusuchen, wurde aber sogleich von dem Pöbel umringt, und Etliche wollten sich der Papiere bemeistern, die ich in der Tasche hatte. Da ich voraus sahe, dass man sie zerreissen würde, und ich mein Tagebuch ungern verloren hätte: so wehrte ich mich, so gut ich konnte; indessen, obgleich sich etliche Bessergesinnte unter diesem Haufen für mich interessirten, hätte ich sie doch vielleicht nicht retten können, wenn nicht in diesem Augenblicke, wie gesagt, Abdallah Bédder gekommen wäre und mich in Schutz genommen hätte. Noch immer wusste ich nicht die Ursache dieses beleidigenden Betragens der Hebronner, zumal ich über- zeugt war, dass ich vorhin durchaus keine Veranlassung dazu gegeben hatte.
Ich folgte dem Schech in die Stadt, und fand allenthalben, dass meine Gegenwart Aufsehn erregte, und dass man die vorigen Fragen wiederholte. Wir fanden vor einem Kaffeehause mehrere Vornehme der Stadt, welchen mich der Schech vorstellte, und alsdann begab ich mich in mein Logis.
Hier fand ich meinen Bedienten, welcher von dem Auftritt, der in meiner Abwesenheit vorgefallen war, noch in Verwirrung, erfuhr aber endlich von ihm den gewünschten Aufschluss. Er erzählte mir, gleich nach meiner Abreise sey ein Pöbelhaufe zu ihm gekom- men, und habe ihm Vorwürfe gemacht, dass er, als ein osmanischer Unterthan, sich unterstanden habe, einen Franken, der ge- kommen sey, ihr Land auszuspähen, zu begleiten; denn noch nie sey ein Christ nach Mádará gewallfahrtet, und dies Vorgeben sey eine sichtliche Unwahrheit. Unter mancherley Bedrohungen gingen diese Leute von ihm zum Kady und zum Müfty, und gaben nicht nur mich und meinen Bedienten als Spion an, sondern beschuldigten auch den Schech Abdallah Bédder, dass er mir zu meinem Vorhaben behülflich sey, wofür er ohne Zweifel eine beträchtliche Belohnung von mir erhalte. Diese beiden Rechtsführer versammelten also alle Scheche von Hebron, liessen Schech Abdallah vorfordern, und wiederholten ihm diese Beschuldigung, indem sie hinzusetzten, dass es ihnen um so mehr auffalle, dass er sich dieses Ungläubigen ange- nommen, da es ihm bekannt seyn müsse, dass ich schon vor einem Jahr in Hebron gewesen, und die Namen der Ortschaften aufgeschrieben, wobey ich mich einer Feder ohne Dinte (Bleyfeder) bedient habe, welches ohne Zweifel ein Zauberinstrument gewesen seyn müsse. Sie setzten zu diesen Beschuldigungen die für ihn sehr beleidigende Frage hinzu: ob er vielleicht ein Christ geworden sey?
Abdallah entschuldigte sich und mich so gut, als er konnte. Er musste indessen der Stimme des Volks nachgeben, welches darauf drang, dass meine Sachen sogleich in Beschlag genom- men und untersucht würden. Mehrere drohten öffentlich in der Versammlung, dass sie meinen Bedienten ermorden wollten. Die ganze werthe Versammlung begab sich jetzt in mein Logis, worüber mein Bedienter in nicht geringen Schrecken gerieth. Der Kady nahm das Wort und erkundigte sich nach meinem Vaterlande. Mein Bedienter gab mich für einen Engländer aus, weswegen der Kady ihn einen Lügner schalt. Dann fragte er: weswegen ich in diese Gegend käme und Alles aufschriebe? Anton antwortete: Es sey die Sitte aller fränkischen Reisenden, ihre Bemerkungen aufzuzeichnen, damit sie dieselben einst in ihrem Vaterlande wieder erzählen könnten.
„Ueberdem, setzte er hinzu, bitte ich, sich wohl zu bedenken, was Sie mit diesem Manne vornehmen; er hat einen Firmân vom osmanischen Monarchen und Pässe vom Pascha zu Da- mask und vom Pascha zu Akre." - Mehrere riefen: „schweig, Du vermaledeiter Hund! Verflucht sey Dein Vater und Deine Vorältern!" - Der Kady gab ihm indessen Recht, bestand aber darauf, dass meine Sachen untersucht würden. Dies geschah.
Als man in einer Reisetasche meine astronomischen Instrumente fand, rief man aus: „,Seht! seht. dies sind die Instrumente, welche er zu seiner Zauberey benutzt!"
„Gott behüte! sagte mein Bedienter; dieser Mann ist ein Sternseher und Arzt; und die Bücher und Papiere, die Ihr seht, sind medicini- schen Inhalts." - Man liess einen Juden kommen, um die Bücher zu lesen; allein, er war es nicht im Stande. - Unglücklicherweise fand man beim Durchblättern der Papiere einen kleinen Zettel, worauf etliche Namen von vormaligen und noch vorhandenen Dörfern um Hebron arabisch geschrieben waren, und kaum hatte man dies gelesen: so riefen sie Alle, fast wie wahnsinnig, aus: „da haben wir's!" „da haben wir's!"
Manche drangen jetzt darauf, dass man meinen Bedienten bis zu mei- ner Rückkunft ins Gefängniss werfe, damit er nicht entwische und seiner verdienten Strafe entgehe, wovon er indessen auf Schech Abdallahs Fürsprache befreiet blieb.
Sobald sie ihn verlassen, schrieb er einen Brief an das Kloster von Terra Santa in Jerusalem, welchem er diesen Vor- fall meldete, und fertigte damit im Geheimen einen Juden ab, welcher am folgenden Tage wieder mit einer Antwort zurück kam, welche ein Schreiben von Szejid Hassan, dem Müfty von Jerusalem, an den Müfty, Kady und alle Scheche in Hebron begleitete, worin diese gewarnt wurden, so wenig wider mich, als meinen Bedienten irgend eine Gewalttätigkeit zu begehen, indem er wisse, dass ich wirklich ein Arzt sey, und nichts weniger im Sinne habe, als das Geschäft eines Spions zu treiben, auch überdem mit einem Firmân vom Sultan und mit Pässen von zwey Paschen versehen sey. Er theilte dies Schreiben Schech Abdallah mit, welcher es in einer öffentlichen Versammlung der Obern und nachher in den Kaffeehäusern lesen liess, wodurch die Ruhe in dem Maasse wieder hergestellt wurde, dass man es nicht wagte, mich bey meiner Rückkunft mit grösserer Unhöflichkeit zu behandeln, als ich erzählt habe.
Die Veranlassung zu diesem sonderbaren Auftritt gab ohne Zweifel der nämliche Mohammedaner, bey welchem ich bey meinem ersten Besuche in Hebron logirt war. Dieser hatte sich Hofinung gemacht, dass ich bey meiner Rückkunft wieder bey ihm abtreten werde, und dass er als Vermittler zwischen mir und einem Beduinen-Schech, der mich nach dem Sinaï führte, von mir einen beträchtlichen Vortheil ziehen werde, und welcher, da er sich in seiner Erwartung betrogen fand, sich auf eine solche Art zu rächen suchte. )
#978 – 23.03.1807
Unsere Abreise wurde auf den 24. März festgesetzt, weil Sibben noch dies und jenes zurecht zu machen hatte. Mit unsern Schákadif war er nicht zufrieden, und er überredete mich, statt derselben die gewöhnlichen Kameelsättel (el Ráhhel) zu wählen.
Der Sattel (el Rahhl) hatte vorn und hinten einen fusshohen hölzernen Zapfen; man schlägt das eine Bein in die Queere um den vordern Zapfen herum, und lässt das andere Bein über dessen Fuss herabhängen.
Obgleich ich befürchtete, dass ich diese sehr unbequem finden würde: so fand ich doch in der Folge das Gegentheil, und ich rathe einem jeden Reisenden, sich derselben zu bedienen, wenn er eine lange Reise durch die Wüste zu machen hat.
#979 – 1807
Nachmittags kam ein griechischer Christ mit einer kleinen Kjerwane von Maân zurück, wohin diese Lebensmittel und sonstige Bedürfnisse und Handelswaaren für die rückkehrende Pilgerkjerwane gebracht hatte. Er erzählte uns, dass die Einwohner von Maân, und die ganze Gegend umher für die Wuhabisten, die er Mubáby nannte, zittere, und bestätigte die Nachricht, dass Abdallah Pascha von Damask aus der Nähe von Medine unverrichteter Sachen wieder habe zurückziehen müssen.
Die Wuhabisten sollen sehr strenge auf das Verbot des Tabakrauchens halten, und vor einiger Zeit liess ihr Anführer einen Tabakshändler ergreifen und ihn nebst seinem Tabak verbrennen. Obgleich das Tabakrauchen gewiss zu den lächerlichsten Sitten gehört, welche je beym menschlichen Ge- schlecht im Schwange waren: so dürfte man doch gestehen müs- sen, dass eine solche Strafe zu hart und grausam sey. Der drohenden Gefahr ungeachtet sind dennoch Viele so sehr daran gewöhnt, dass sie dasselbe nicht ganz aufzugeben vermögen. Indessen rauchen sie verstohlen, und bedienen sich dazu der blossen Pfeifenköpfe, wie ich dies schon bey den Huethât bemerkte.
Sie übernachten bei Beduinen und werden Zeugen eines Beschneidungsrituals.
#980 – 1807
Gegen Abend wurden etliche Knaben in dem Dauâr beschnitten, welches zu etlichen Feierlichkeiten Veranlassung gab. Man hörte zuerst die Weiber in den Zelten einen Gesang anstimmen, der viel Auffallendes hatte. Sie sangen denselben mit einem hohen klagenden Ton, den sie auf eine ganz beson- dere Art trillerten und modulirten, wie ich noch nirgends ge- hört hatte. Späterhin versammelten sich auch die Männer unter freyem Himmel an drey verschiedenen Stellen des Dauârs, und fingen einen Kreistanz mit Gesang begleitet an, welchen sie el Szâmer nennen.
Die Mannspersonen bilden einen Kreis, und klopfen nach dem Takt beständig in die Hände, wobey sie sich mit dem Körper vorwärts und rückwärts bewegen. Sie wiederholen dabey singend in einem etwas melancholischen Ton und langsam, beständig folgende Worte: „Ich ging hin und blieb lange aus. Ich sandte Euch meinen Gruss, mit wem?" Nur selten machten sie einige Zusätze und Veränderungen in dieser kurzen Stanze, die vermuthlich uralt ist, und die auf irgend einen Vorfall Bezug gehabt haben dürfte, obgleich die Beduinen keinen Aufschluss darüber geben konnten.
Dieser Gesang dauerte mehrere Stunden lang. Der Mond stand in seiner vollsten Schönheit, in dem vierzehnten Tage seines Alters, am Himmel. Ich muss gestehen, dass dieser ungewöhnliche Gesang, der von allen Seiten erscholl, und der mit dem Gesange der Weiber abwechselte, mir ein besonderes Vergnü- gen gewährte.
"Überall Gesang..."
#988 – 28.03.1807
Um halb 3 Uhr kamen wir zu einem Dauár von 14 Zel- ten, welche von Beduinen des Stammes Kderât bewohnt wurden, und die wir zu unserm Nachtquartier wählten. Sowohl gestern Abend, als auch hier hörten wir den Gesang der Weiber wegen der Beschneidung, dessen ich vorhin gedacht. „Ueberall Gesang, wo wir nur hinkommen, sagte Sibben lächelnd; dies ist ein glückliches Zeichen für uns." - Wir hatten heute 6 Stunden Wegs zurückgelegt.
Nach über zwei Wochen in der Wüste kommt Seetzen im Garten Eden an.
#999 – 09.04.1807
Sinai, KatharinenklosterDer Anblick des Gartens, an dessen Ende das Kloster liegt, ist so freundlich, so lachend, dass er die Reize eines jeden Orts in Europa erhöhen würde; der schlanke aufstrebende Wuchs der dunkeln Zypresse und der hellgrünen Pappel bildet mit der rankenden Weinrebe, dem laubvollen Nussbaum, den ausgebreiteten Aepfel-, Birn- und andern Obstbäumen die lieblichste Abwechselung, und das Ganze macht den auffallendsten Kontrast mit den Himmel anstrebenden Felsen von Granit, welche dies enge Thal bilden, und fast keine Spur von Vegetation verrathen.
Katharinenkloster
Der Garten füllet hier den Zwischenraum zwischen beiden Felswänden ganz aus, wovon die auf der Nordostseite befindliche Agios Epistem, die auf der Südwestseite aber der Horeb, oder nach der Aussprache der griechischen Mönche der C h o r i f heisst, und ist noch zum Theil an dem untern abhängigen Fusse des letztern terrassirt angelegt. Zur Sicherheit wider die Beduinen ist er mit einer hohen Mauer von rohen Steinen eingefasst, welche die beiden genannten Berge in Menge liefern werden.
Man hielt mich und meinen Bedienten zuerst für Mohammedaner, und liess uns auch Kaffee und für Jeden ein Brod herab. Endlich erfuhr der Dolmetscher, der sich aus dieser Fensteröffnung immer mit den Ankommenden unterhält, dass wir Christen und ich ein Franke sey, der sich etliche Tage bey ihnen aufzuhalten wünsche. Man hatte erfahren, dass ich von Jerusalem gekommen sey, weswegen man sich erkundigte, ob ich einen Empfehlungsbrief von dem griechi- schen Bischofe zu Jerusalem bey mir habe? Ich verneinte dies, liess aber die zwey mitgenommenen Pässe von den Paschas zu Damask und Akre hinaufwinden.
Da indessen Niemand im Kloster war, der Arabisch lesen konnte: so wurde mein Be-dienter zu einer Stelle der Gartenmauer geführt, die er ver-mittelst eines Stricks erstieg, und von wo er durch den Gar-ten, und dann durch einen finstern engen gewölbten Gang ins Kloster geführt wurde, wo er sie dem Dolmetscher und dem Scheche der Kloster-Beduinen, der sich hier fast immer aufhält, vorlas.-->
Moses, der brennende Dornbusch und die zehn Gebote -so viel Altes Testament...
Seetzen erkundet die Umgebung
In der That hätte Mose, oder, wenn man lieber will, Osarsiphon, der ägyptische Priester von Heliopolis, nicht leicht eine Gegend in der Welt wählen können, welche besser zu seinem Plane passte, als diese.
Der auffallende Contrast zwi- schen der unermesslichen Ebene Niederägyptens, wo die Israeliten wahrscheinlich grösstentheils wohnhaft waren, mit diesem auffallend wilden, schroffen und zackigten Felsenge-bürge musste nothwendig einen ganz eigenen Eindruck auf dies Volk machen, und ihre Phantasie in die lebhafteste Thä- tigkeit setzen. Bey einer solchen Stimmung wurde es dem neuen Gesetzgeber leicht, sich bey ihnen das Ansehn eines Vertrauten des Jehovah zu geben, und seine Verordnungen als unmittelbare Befehle der Gottheit geltend zu machen.
Da in Aegypten Gewitter sehr selten und nie heftig sind: so musste sie die Erscheinung eines solchen in diesem Gebürge in Furcht und Schrecken setzen, wo der Donner von Fels zu Fels ge- worfen lange nachhallt, und seinen Ton hundertfach ver- vielfältigt. Es thut mir leid, dass ich nicht das Vergnügen hatte, das Gewitter, was uns in der Wüste befiel, und wel-ches in der nämlichen Zeit auch hier hindurch zog, hier zu hören; aus der Wirkung eines Flintenschusses indessen, den ich mehrmals zu hören Gelegenheit hatte, schliesse ich, dass die Wirkung des Donners hier erhaben gross seyn müsse.
und ist ergriffen von der Aussicht.
Die Aussicht war wirklich fürchterlich erhaben und Grausen erregend.
Sues
Katharinenkloster
Rotes Meer
Seetzen geht wieder mal das Geld aus: Er muss seinen Reiseplan ändern
#1013 – 20.04.1807
Sinai, KatharinenklosterMeine Absicht war, von hier nach Tûr zu reisen und von dort die ganze Halbinsel immer längs der Küste bis Akabáh zu umgehen. Auf diesem Wege hoffte ich, mich mit dem jetzigen Zustande von einem paar alten Städten bekannt zu machen, welche durch die Geschichte der Hebräer berühmt wurden, Dáhab nämlich, Ezion Gaber und Aileh oder Eloth.
Allein meine Kasse war durch die unerwarteten Aus- gaben in Hebron erschöpft, und man versicherte mir, dass sich in Tûr Niemand finden würde, der mir für einen Wechsel, in Kahira zahlbar, Geld vorschiessen werde, obgleich ich dort einen hinlänglichen Fond hatte.
Ich entschloss mich daher, nach Sués zu reisen, und dort Geld von Kahira kommen zu lassen, weil zwischen beiden Oertern öfters Kjerwanen hin - und herziehen. Der Dolmetscher liess daher zwey Beduinen vom Stamme der Szauâlha kommen, welche allein das Recht haben, die Pilger in dieser Gegend umherzuführen, und mit welchen wir um 54 Piaster eins wurden, uns dorthin zu führen. Man hatte die Aufmerksamkeit für mich, uns mit einem Vorrath von Mehl, Brod, Oliven, Oel, imgleichen mit einem Wasser-schlauch zu versehen, damit wir unterwegs keinen Mangel litten. Ueberdem erhielt ich einen Empfehlungsbrief an den Procura-tor des Klosters in Sués und in
K a h i r a .
und bricht nach Suez auf.
Nur wenige Tage später
sieht er zum ersten Mal
den afrikanischen Kontinent.
#1022 – 23.04.1807
Um halb 3 Uhr kamen wir über Sandhügel, welche wahrscheinlich auf Gypslagern ruheten, weil wir eine Viertel-stunde nachher wieder auf Gyps- und Alabasterhügel kamen, welche sichtlich mit wenigem Flugsand bedeckt waren.
Von hier hatte ich das Vergnügen, den Golf von Sués wiederum, und zwar in unserer Nähe, zu erblicken, welcher, von der Sonne erhellt, gleich einem reinen Spiegel glänzte. Jenseits demselben zeigten sich, obgleich noch dunkel, die Küstenberge von Aegypten, eines neuen Welttheils, dessen Rand ich hier zum erstenmal erblickte. Meine Phantasie flog über ihn in seine innern unbekannten Länder, und mein Geist verlor sich in der Unermesslichkeit derselben.
Lorem ipsum
Seetzen erreicht die Vororte von Kahira.
#1039 – 17.05.1807 s. 155/56
Um halb 12 Uhr erblickten wir in weiter Ferne die Dat-telpalmen, welche Birket el Hadsch kenntlich machen, und ein Viertel nach 2 Uhr erreichten wir endlich diese erste Sta-tion der ägyptischen Pilgerkjerwane, wo diese sich nach und nach versammelt, und mit ihr die Grenze des fruchtbaren Aegyptens.
Birket el Hadsch ist ein kleiner Landsee, welcher durch den Kanal von Kahira (Chalidsch el Káhirá) zur Zeit des hohen Nilstandes mit dem Wasser dieses Flusses ge- füllt wird. Seine Ufer sind sehr flach und an vielen Stellen sumpfig, weil sein Wasser sich in dieser Jahrzeit sehr ver- mindert. Hier war es, wo ich zum erstenmal fühlte, ich sey in dem gesegneten alten Aegypten angekommen, indem ich die ödeste Wüste auf einmal in die schwelgerischste Fruchtbarkeit verwandelt sahe.
#1043 –18. May 1807 - S. 158
Die Bauern draschen Weizen und Gerste; ein Kopte, mit einem Stocke bewaffnet, war der Dorfinspector und er- theilte herrische Befehle, die ängstlich von den Bauern befolgt wurden. Ein Soldat nahm unentgeldlich das Futter für sein Pferd. Ich war, das sah ich aus Allem, im Lande der unglücklichsten Sklaven, welchen ein fast noch herberes Loos zu Theil wurde, als den Leibeigenen Teutschlands und Russlands.
Kahira
القاهرة