30.06.1804
Ich hatte gerade meinen Lehrer im Arabischen bey mir, als wir heute Morgen um 10 Uhr auf einmal ein plötzliches Geschrey in den Basaren und ein Geräusch von den Klappen und Thüren, die verschlossen wurden, hörten. Mein Logis ist über den Basaren gebaut, so dass man aus demselben in etliche Basare sehen kann. Eine Menge Volks strömte durch dieselben, fast lauter Türken, denn Juden und Christen sind bey solchen Vorfällen zu furchtsam, um sich öfentlich zu zeigen. Man sahe eine Menge einzelne Soldaten des Pascha und Gruppen derselben die Basare durchstreifen; alle mit Pistolen, Hándsjahr, Flinten und Trombonen bewaffnet. Es waren fast lauter Arnauten , deren Tracht viele Aehnlichkeit mit der Tracht der alten römischen Soldaten hat und die hier sehr gefürchtet werden. Und in der That haben auch diese Leute ein ungemein kriegerisches Ansehen. Ihr Gang ist rasch, stolz und ungezwungen, und ihr Körperbau ist durchgängig athletisch.Eigentlich Uniform tragen sie nicht, indess sind doch die Meisten ziemlich gleich gekleidet. Unser Chan wurde des Aufstandes wegen verschlossen. Von einem Maroniten erfuhren wir, dass in der beträchtlichen Vorstadt Bankúsa zwischen etlichen Scherihf und Soldaten des Pascha etwas vorgefallen sey, welches Gerücht sich schnell in die Basare der Stadt ausbreitete und daselbst das Verschliessen aller Läden bewirkte. Man glaubt, dass man die Absicht habe, das Serai des Pascha zu bestürmen, weil man ihn seiner Avanien wegen aufs äusserste hasst und ihn weniger fürchtet als seinen Vater, während dessen Hierseyn kein Aufstand aufbrach. Auch den hohen Preis des Getreydes, der der vollendeten Ernte ungeachtet fortdauert, macht die Einwohner aufsätzig. Obgleich der Pascha in allem an 5000 Mann Truppen haben soll, woran ich indess sehr zweifle, so würde es den Einwohnern nicht sehr schwerfallen, ihn zu besiegen und abzusetzen, wenn sie alle einig wären. Allein der eingewurzelte Hass unter den Janitscharen und Scherihf erlaubte diese Vereinigung nicht. Es gehen etliche Soldaten des Pascha in den Basaren herum, um den Kaufleuten zu befehlen, dass sie die Laden und Kafeehäuser wieder öffnen; allein bis ietzt (111⁄2 Uhr) wagt es noch Niemand. Man versichert ietzt, dass die Einwohner von Damask , die wegen ihrer Störrigkeit und Rauheit hier berüchtiget sind, ihren Pascha Ibrahim, Vater des hiesigen Pascha, aus der Stadt geiagt haben. Um 4 Uhr hiess es, die Arnauten hätten in den Basaren geraubt; man habe viele von ihnen getötet. Die Uebrigen hätten sich in etliche Moscheen geflüchtet.
(...)
Um 6 Uhr versicherte man, es seyen etliche 40 Arnauten und vielleicht eben so viele Scherihf in den Scharmützeln umgekommen.
Um 7 Uhr sahen wir in der Gegend von Bankúsa, einer Vorstadt, einen dicken Rauch aufstehen, und wie es ein wenig dunkler wurde, sahen wir von der Terrasse die Flammen. Man weiss noch nicht gewiss, ob es ein Haus eines berüchtigten Avanisten (eines Scherihf und Spions des Pascha) oder eine Kaffeeschenke ist. Ich blieb bis nach eilf Uhr auf der Terrasse. Von Zeit zu Zeit hörte man in der Ferne ein Geschrey und viele einzelne Flintenschüsse. Das Feuer war noch nicht völlig gelöscht.
01.07.1804
Die Sachen stehen noch schlimmer als gestern. Man hört beständig Flintenschüsse. - (...) Heute hat man viele Christen mit den Muslemihn sich zum Gefecht wider die Soldaten vereinigen sehen. - Von den Moscheen ist heute nicht gerufen worden zum Gebet. - Im Lebbna-Chan hatten sich unterschiedliche Arnauten retirirt, und sie vertheidigten sich tapfer. Diesen Nachmittag hat man die Thür verbrannt, ist hineingedrungen und hat sie meistentheils umgebracht. (...)
02.07.1804
(...) Ales dauert fort, wie gestern; man hört Schüsse, aber nicht so viel als gestern; die Arnauten rauben; von den Moscheen wird nicht zum Gebet gerufen. (...) Entweder in dieser Nacht oder Morgen wird es wahrscheinlich ein hitziges Gefecht geben. Ale Thore der Stadt und der Basare sind verschlossen und zum Theil vermauert, um das Eindringen der Arnauten zu vermeiden. Auch in dem Quartier Beilúhn haben viele ihre Hausthüren vermauert. (...)
12.08.1804
Noch immer ist unsere Stadt im Belagerungszustande. Die ganze Nacht hindurch hört man das Geschrey und die Flintenschüsse der wachthabenden Bürger. Man hoft in weniger Zeit, den Entschluss der Pforte zu erhalten.
26.09.1804
Um 9 Uhr heute Vormittag entstand ein plötzliches Lermen; man verschloss in Eile alle Boutiquen in den Basaren, und Jedermann rannte mit Geschrey nach seiner Wohnung, um sich zu bewafnen und dem Pascha entgegen zu ziehen, welcher sehr nahe seyn sol und wie gewöhnlich die Stadt bedroht. Ich bin begierig, wie endlich der Ausgang seyn wird. (...)
30.09.1804
Heute war ein heftiges Gefecht zwischen den Truppen des Pascha und den Einwohner von Halep. Es fing gleich nach Mittag an und dauerte bis 2 Stunden nach Sonnenuntergang. Es waren etwa 50 Mann von des Paschas Leuten bis nach Schech Ubeckt, 1⁄4Stunde von Halep, gekommen. Gegen diese rückten etwa 40 Mann Haleppiner aus. Während dem sie einander attaquirten, wurden letztere von Letztere durch mehrere 100 ihrer Mitbürger, die ihnen zu Hülfe eilten, unterstützt. Allein, bald erhielten iene ebenfalls Unterstützung von 2000 Mann, wie man versichert. Das ungleiche Gefecht nöthigte die Bürger, sich vertheidigungsweise näher nach der Stadt zu ziehen. Hier einigten sie sich mit allen bewafneten Bürgern, und nun wurde das Gefecht sehr heftig, wie wir von unserer Terrasse hören konnten. Es wurden gleichfalls mehrere Kanonenschüsse gethan. Die Arnauten und Daláti, Truppen des Pascha, haten die Obstgärten (Kruhm), welche mit Oelbäumen, Feigen und Pistazienbäumen besetzt sind, eingenommen. Allein endlich mussten die Truppen weichen. Man versichert, es seyen von beiden Seiten unterschiedlich auf dem Platze geblieben. Das Hauptgefecht war auf der Ostseite der Stadt ausserhalb der Vorstadt Bankúsa.
02.10.1804
Nachmittags machte ich einen Spatziergang, um die auf der Ostseite der Stadt befindlichen bewafneten Bürger zu sehen. In den Gassen der Vorstadt Bankúsa und der andern dortigen Quartiere traf ich viele Bewafnete an, besonders vor den Kaffeehäusern, welche ruhig ihren Kaffee tranken und ihren Tabak rauchten. Kaum war ich in der Nähe des Derwischklosters Bába Béram ein paar hundert Schritte ausserhalb dem Thore, welches halb mit Steinen verrammelt war, aufs Feld gegangen, um von dort nach Schech Arabi, einer andern Vorstadt zu gehen, so hörte ich etliche Stimmen rufen: „Kehre um, kehre um!" - Gleich darauf kamen Bewafnete Querfeldein auf mich zugelaufen und kündigten mir an, dass sie mich zu ihrem Chef führen müssten. Ich traf ihn nebst mehrern Bewafneten in einem in der Nähe befindlichen Wachthause an. Man fragte, wer ich sey. Ich sagte ihnen, ich sey ein Franke und wünsche die Vertheidigungsanstalten der Bürger zu besehen. Sobald sie hörten, ich sey ein Franke, nöthigte man mich zu sitzen; das Haupt, ein Jänitschär, befahl, mir Kaffee zu reichen und bot mir seinen Närgihl an. Man gab mir gern die Erlaubnis, die Anstalten ihrer Mitbürger zu besehen. - Da die Truppen des Pascha's sich nach Baballa zurückgezogen haben, so waren ietzt ausser der Stadt nur wenige Bürger befindlich. Man sahe hier und dar nur eine Schildwache stehen. Sie hatten Kübbe el Hindi, ein Därwischkloster von einigen par Mönchen, und Schech Ubéckr oder Abubeckr besetzt. Auf den Mauern der Vorstädte waren in bestimmten Entfernungen Zelte aufgeschlagen, worinn die Bürger die Wachen versahen. Auch fand ich dort mehrere Fahnen von verschiedenen Farben aufgesteckt. Man war daselbst sehr aufmerksam, und ich glaube, es wird sehr schwer halten für den Pascha, die Stadt zu überwältigen, wenn die Bürger einig bleiben. Gestern Abend brachte einer von den Leuten des Kapidschi báschi, der sich beym Pascha aufhält, einen Brief vom Pascha an die Häupter der Stadt. Man weiss aber noch den Inhalt nicht.
01.11.1804
Lange waren zwischen dem Pascha Mohammed und den Häuptern der Stadt ohne Erfolg Unterhandlungen gepflogen worden. Endlich kam es doch zur Aussöhnung, aber die Bedingungen sind für den Pascha ein wenig schwer. Er muss alle seine Arnauten abdanken, weil die Haleppiner einen unversöhnlichen Hass auf sie geworfen, da sie es waren, die in der Stadt bey der Revolution so vielen Schaden anrichteten. (...) Auch die Festung wird dem Pascha nicht überliefert, sondern bleibt in den Händen der Bürger. (...) Um 10 Uhr etwa marschierten alle bewaffneten Bürger nach Bába Béiram, einem Kloster der Därwische vom Becktaschorden, welches an dem nordöstlichen Rande der Stadt liegt. Sie waren mehrentheils zu Fuss und mit Flinten, Pistolen, Säbeln und etliche Berittene mit Lanzen bewaffnet. Hier bildeten sie auf ieder Seite der Landstrasse eine Linie, die beym neuen Seráih des Pascha's in der Nähe des Bab el Nassr in der Stadt anfing und bey Kúbbat el Hindi ausser der Stadt sich endigte. Ich nahm meinen Platz dicht neben dem Därwschkloster Bába Béyram, wo ich Alles aufs Beste sehen konnte. Die platten Dächer waren dicht mit neugierigen Zuschauern angefüllt. (...)
08.12.1804
Da die hiesigen Janitscharen ietzt wieder - so wie vor dem Pascha Ibrahim - die Oberhand haben, indem man vom ietzigen Pascha Mohammed auch nicht ein Wort hört, da seine Macht völlig annullirt ist, so sieht man auch ietzt im Monat Ramasán des Abends mehr Leben und Frölichkeit vor und in den Kaffeehäusern als im vorigen Jahre. (...)
16.02.1805
(...) Der Pascha verlangte eine Avanie von 20000 Piaster von den Nationen, d.h. von den levantinischen Christen in Halép. Sie konnten diese Summe nicht aufbringen; der Pascha liess daher den griechischen und den maronitischen Bischof, im gleichen den Praefect der Armenier ins Gefängniss führen; dieser Schritt wird wahrscheinlich die schnele Herbeyschaffung des Verlangten bewirken. Da der Pascha ietzt im besten Vernehmen mit den Scherihf steht, so fehlt es ihm ietzt nicht an hinlänglicher Macht, um seine Avanien wieder fortzusetzen. Den hiesigen Brodbäckern hat er vor etlichen Tagen 120 Makkak Weizen, den Schünbul zu 25 Piaster, aufgedrungen, obgleich der Weizen schon bis 15 Piaster gesunken war. Ein Makkûk hält 16 Schünbul; mithin macht dies eine Summe von 48000 Piastern, worauf er manche Tausende gewinnen wird. Ueberdem hat er das Kopfgeld erhöhet und lässt dasselbe ein paar Jahre im Voraus bezahlen. (...)
18.02.1805
(...) Der Pascha scheint grossen Geldmangel zu haben; (...)
28.02.1805 (...)
04.03.1805, 11 1⁄2 Uhr
Die Janitscharen haben in der ganzen Stadt die Oberhand; etliche bewaffnete Haufen von ihnen zogen durch die Basare an unsern Chân vorbey; einer von ihnen sang etliche Wörter und alsdann stimmte der Chor mit wildem Tone an. Um 1 Uhr zog der Chef der Janitscharen, Achmed ibn Homza, vorbey. Ausser den Janitscharen folgten viele Christen aus Neugierde seinem Zuge. Letztere sind ungemein zufrieden, dass die Janitscharen die Oberhand behalten haben. Ale Scherife sind ietzt in ihren Häusern versteckt. Man versichert, selbst der Pascha sey ietzt in Furcht und habe ein paar Kanonen zu sich in Schechubeckr bringen lassen, weil er einen Angrif von den Janitscharen besorgt, zu welchen, als der siegenden Parthey, sich ietzt viele Scherihfe geschlagen haben.
05.03.1805
Auch heute zeigten sich in den Gassen kleine Haufen von bewafneten Janitscharen, welche etliche Scherihfe suchten, die als Avanisten, d.h. als Spionen des Pascha, übel berüchtiget waren. Um 10 Uhr Vormittags fand man einen, der sich in einer kleinen Moschee versteckt hatte, aber entdeckt worden war. Seiner vielen Biten ungeachtet schleppte man ihn fort; man passirte ein Kafeehaus, wo viele Janitscharen waren, die er fussfälligst um Pardon bat. Es half alles nichts, und unter dem Vorwande, dass man ihn zu ihrem Chef führen wolle, brachten sie ihn bis in die Nähe unsers Chans, wo ihn einer seiner Führer unvermuthet hinterwärts in den Rücken mit einer Kugel schoss. Er stürzte; da er aber noch nicht todt war, so schnitt man ihn die Gurgel ab. Ich eilte hinzu, um mich davon zu überzeugen. (...)
06.03.1805
Heute ermordeten die Janitscharen wieder einen bekannten Avanisten. Es regnete des Morgens ein wenig. Ich ging in- und ausserhalb der Stadt spatzieren und fand alles ruhig.
07.03.1805 (...)
08.03.1805
Alles wie gestern. Man erwartet Gefechte. (...) Von Akre hat man Nachrichten erhalten, dass der rebellische Ismael Pascha immer mehr eingeschlossen ist, dass er in einem Scharmützel viele Soldaten verloren und dass er wahrscheinlich genöthiget seyn wird, sich zu ergeben. Er wird von Soliman Pascha, der zu seinem Nachfolger bestimmt seyn soll, eingeschlossen gehalten. - Auch von Cypern hat man Nachricht erhalten, dass der dortige Pascha mi Aufruhr sey. Kurz! wohin man sich wendet, sieht man Rebellen im osmanischen Reiche.